Dr. Sebastian Boegel fragte am 30.04.2017

Sehr geehrte Frau Hauffe, in ihrer Antwort zur "alternativen Medizin" ( https://sozialversicherung.watch/profil/ulrike-hauffe/frage/2017-02-12/101 ) schreiben sie etwas von erfahrungswissenschaftlichen Erkenntnissen. 1.) Was genau meinen Sie damit? Was ist in ihren Augen die Erfahrungswissenschaft? Können Sie einige dieser Erkentnnise referenzieren? 2.) Wie sehen Sie im Allgemeinen die Relevanz von RCTs um herauszufinden "ob nur wirksam sein darf, was biologisch nachweislich ist". 3.) Wie stehen Sie dazu, dass die Barmer auch die HPV Impfung für Jungs übernehmen sollte? Die Barmer beruft sich auf die STIKO und dass es noch keine Studien gibt. Dabei gelten beim Mann die gleichen Pathomechanismen im Bezug auf HPV, auch ist die Prävalenz von genitalen HPV Infektionen bei Männern hoch (z.B. jamanetwork.com/journals/jamaoncology/fullarticle/2598492 ). Vielen Dank und liebe Grüße Sebastian Boegel

Ulrike Hauffe antwortete

Sehr geehrter Herr Dr. Boegel,

Sie geben mir echt Aufgaben! Aber das ist Ihr gutes Recht. Nur: Ich bin keine Wissenschaftlerin, wohl eine sehr kündige Laiin, die im Gesundheitswesen gearbeitet hat. Lassen Sie mich also Ihre Fragen entsprechend Ihrer Nummerierung so gut ich kann beantworten:
Zu 1:
Mit dem sicherlich nicht geschützten Begriff der Erfahrungswissenschaft habe ich mir erlaubt zu umschreiben, dass Vieles in der angewandten Medizin nicht durch randomisierte und kontrollierte Studien abgesichert ist, sondern entweder durch schmalspurigere Studien oder aber durch kollektive Erkenntnisse der Wirksamkeit. Ich weiß sehr gut, dass manches Empfehlen und Handeln in der ärztlichen Praxis sich daraus ergibt, dass es kollegialen Rat gibt und/oder punktuell Erfahrungen gesammelt werden, die über ihre Wirkungen zum Repertoire werden. Wenn nur Vorschläge zur Verbesserung der Situation einer Patientin oder eines Patienten vermittelt werden dürften, die Studien nach höchstem Standard entsprächen, dann müsste Vieles im ärztlichen Handeln ohne Antwort bleiben. Mißverstehen Sie mich nicht. Ich möchte eher mehr unabhängige (!) qualitative Forschung als weniger, aber die Realität ist eine andere und vieles wirkt oder funktioniert trotzdem.
Zu 2:
Ich schätze die Relevanz der von Ihnen gefragten RCTs (= randomisierte, kontrollierte Studien) als sehr hoch ein. Und wir sollten dafür sorgen, dass Studien, die nicht interessengeleitet sind, die also unabhängig finanziert sind, gefördert werden. Trotzdem: Ich schrieb schon - es gibt so viele Erkenntnisse von Wirksamkeit, die ich nicht ignorieren kann und will.
Zu 3:
Die Kostenübernahme von Impfungen ist in Deutschland gesetzlich geregelt. Dabei gehören alle Schutzimpfungen, die die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt und die der Gemeinsame Bundesausschuss (G‑BA) anschließend in die Schutzimpfungsrichtlinie (SI-RL) aufgenommen hat, zum Leistungsumfang einer Krankenkasse.
Die STIKO ist aus unabhängigen Experten und Expertinnen zusammengesetzt, die – orientierend an den Maßgaben der evidenzbasierten Medizin - unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Fachliteratur Empfehlungen zur Durchführung von Schutzimpfungen gibt. Dabei werden zum individuellen Kosten-Nutzen-Risiko Einzelner auch die Auswirkung epidemiologischer Art betrachtet.
Laut Angaben der STIKO konnte eine Impfung gegen HPV auch bei Jungen und jungen Männern bereits Wirksamkeit gegen einige durch HPV hervorgerufene genitale Erkrankungen zeigen. Diese Datenlage reiche aber noch nicht aus, um den Nutzen für die Gesundheit der Gesamtbevölkerung, eine Unterbrechung der Infektionskette zur Verhinderung von HPV-Infektionen bei Mädchen, zu beurteilen. Aus diesem Grund gibt es keine regelhafte Impfempfehlung der STIKO für Mädchen als auch Jungen.
Die BARMER übernimmt die Kosten für alle Schutzimpfungen, die die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt, auch wenn diese noch nicht in der Schutzimpfungs-Richtlinie aufgenommen sind. Mir ist bekannt, dass - sofern sich Änderungen hinsichtlich der Empfehlung ergeben - diese direkt von der BARMER umgesetzt werden.

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